Was tun, wenn ein Kind nicht weiß, wie es nein sagen kann? Wenn es seine eigenen Grenzen nicht spürt oder niemanden hat, dem es sich anvertrauen kann? Seit mehr als 30 Jahren stellt sich die theaterpädagogische werkstatt (tpw) Osnabrück genau diesen Fragen – mit Ideenreichtum, Fingerspitzengefühl und einem sicheren Gespür für Kinder. PolizeiDeinPartner.de hat mit Christine Eichholz, der Geschäftsführerin der tpw, über die Kraft der Bühne in der Gewaltprävention gesprochen.
In diesem Text erfahren Sie:
Ein klares Ziel: Kinder stark machen
Die Idee ist so einfach wie richtig: Kinder sollen lernen, sich selbst und ihre Gefühle ernst zu nehmen. Sie sollen ihre Grenzen kennen, nein sagen dürfen und wissen, wo sie Hilfe finden können. Genau das vermittelt die tpw theaterpädagogische werkstatt mit ihren Programmen – immer altersgerecht, immer partizipativ und immer mit einem klaren Ziel: Schutz durch Selbstbestimmung. „Wir haben eine klare Vision“, sagt Christine Eichholz: „Aufklären, sensibilisieren, Wissen und Handlungsoptionen vermitteln – und die Kinder in ihren Gefühlen stärken.“ Von klassischen, frontalen Theaterstücken unterscheiden sich die Programme der tpw durch ihre besondere Form: Hier gibt es lebendiges, interaktives Theater. So werden die Kinder während der Aufführung ermutigt, Fragen zu stellen, sich in Rollen hineinzudenken oder. Sie erleben die Situationen mit allen Sinnen und können gedanklich ausprobieren: Was würde ich tun? Was fühlt sich richtig an? Das schafft einen sicheren Raum für die Auseinandersetzung mit sensiblen Themen – ohne Überforderung, aber mit klarer Botschaft. „Unsere Programme ermöglichen den Kindern, selbst zu entscheiden, wie weit sie sich einbringen, sich identifizieren oder auch distanzieren wollen. Manche trauen sich sofort, andere bleiben zunächst still – und auch das ist in Ordnung“, erklärt Eichholz. „Wichtig ist: Alle erleben, dass ihre Gefühle zählen.“
Die Klassiker: „Mein Körper gehört mir!“ und die „Nein-Tonne“
Manche Programme der tpw haben sich über Jahrzehnte hinweg als besonders wirkungsvoll erwiesen – sie sind heute echte Klassiker. Zu den bekanntesten Stücken zählen:
- „Mein Körper gehört mir!“ – ein Theaterstück für Kinder der dritten und vierten Klasse, das das Thema sexualisierte Gewalt kindgerecht aufarbeitet.
- „Die große Nein-Tonne“ – richtet sich an Kinder im Vorschul- und frühen Grundschulalter und vermittelt auf spielerische Weise den Umgang mit dem „Nein-Gefühl“.
„Mein Körper gehört mir ist quasi unser Kassenschlager, mit dem bei uns alles angefangen hat“, so Eichholz. „Wir haben das Programm aber über die Jahre stetig weiterentwickelt – angepasst an neue wissenschaftliche Erkenntnisse und an die Lebenswelt der Kinder. Und genau deshalb funktioniert es bis heute.“ Weitere Programme richten sich unter anderem an Kinder im Grundschulalter mit Förderschwerpunkt geistige Entwicklung („Lille und Leo“) sowie für ältere Jugendliche und Erwachsene mit Behinderungen („Ja! und Nein! und Lass das sein!“) sowie an Eltern und pädagogische Fachkräfte. Besonders erfolgreich: „Eltern sein – ein Kinderspiel!?“, ein unterhaltsames Stück über die täglichen Erziehungsherausforderungen.
Christine Eichholz, Geschäftsführerin der theaterpädagogischen Werkstatt Osnabrück
tpw theaterpädagogische werkstatt
Zwischen Neugier und Unsicherheit
Gerade bei jüngeren Kindern ist Feingefühl entscheidend, wenn sensible Themen wie sexualisierte Gewalt altersgerecht vermittelt werden sollen. „Kinder brauchen je nach Alter ganz unterschiedliches Wissen“, betont Eichholz. „Bei sehr jungen Kindern geht es zunächst um Gefühle, um gute und schlechte Geheimnisse oder um schwierige Nein-Situationen – nicht um explizite Informationen.“ Viele Kinder reagieren offen und erleichtert, wenn sie merken: Ich darf nein sagen. Andere zögern – auch das wird von den Schauspielerinnen und Schauspielern sensibel aufgefangen. „Prävention darf keine Angst machen – aber sie braucht ein gewisses Gefahrenbewusstsein“, sagt Eichholz. „Und wir sollten Kindern vermitteln: Auch wenn du mal etwas getan hast, das du vielleicht nicht hättest tun sollen – du darfst dich trotzdem anvertrauen. Die Schuld liegt nie bei dir.“
Die Welt der Kinder verändert sich
Digitale Reizüberflutung, soziale Isolation und zunehmender Leistungsdruck – all das prägt auch die emotionale Entwicklung von Kindern heute. Viele erleben schon früh Stress, Angst oder soziale Isolation. „Kinder sind heute oft besser informiert als Erwachsene – gerade, was das Internet betrifft“, so Eichholz. „Aber wenn Tatpersonen ins Spiel kommen, die gezielt manipulieren, hilft dieses Wissen oft nicht. Dann fühlen sich Kinder schuldig, weil sie – geschickt beeinflusst durch Täterinnen oder Täter – Regeln gebrochen haben – und trauen sich nicht, zu reden.“ Deshalb will die theaterpädagogische werkstatt aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen aufgreifen und Kinder dort abholen, wo sie heute gefährdet sind. Ein neues Theaterprogramm zu sexualisierter Gewalt im digitalen Raum wie Cybergrooming, Deepfakes und Sextortion wird derzeit entwickelt und voraussichtlich 2026 an den Start gehen. Christine Eichholz betont: „Es wird ein Stück sein, in dem wir zeigen, wie ein zwölfjähriges Kind in eine Spirale sexualisierter Gewalt im Netz gerät – und wie es daraus wieder entkommt.“ Glücklicherweise ist das öffentliche Bewusstsein für dieses Thema gestiegen, freut sie sich: „Heute werden mehr Fälle gemeldet und mehr Kinder sprechen über ihre Erlebnisse.“
Theater wirkt, weil es bewegt
Was Theater so besonders macht: Es erreicht Kinder nicht nur kognitiv, sondern emotional. Sie erleben Situationen mit, entwickeln Empathie und erkennen eigene Handlungsspielräume. „Es ist ein großer Unterschied, ob ich einem Kind sage: Du darfst nein sagen – oder ob es das in einer Szene selbst miterlebt, mitfühlt, vielleicht sogar mitentscheidet“, sagt Christine Eichholz. „Theater schafft Erlebnisse, die bleiben – nicht nur Botschaften, die gehört werden. Kinder erleben echte Menschen auf der Bühne, keine Figuren aus einem Film oder Aufgaben auf einem Arbeitsblatt.“ Sie erkennen Gefühle, Mimik, Körpersprache und finden sich selbst in den dargestellten Szenen wieder. „Und diese Resonanz ist etwas ganz Wichtiges. Und das Ansprechen dieser Gefühlsebene, weil die Kinder dann eben bemerken können: Okay, ich identifiziere mich damit. Mir ist sowas auch schon passiert.“ Auch Lehrkräfte berichten von spürbaren Veränderungen im Klassenklima. Eltern wiederum sind oft überrascht, wie sensibel, kindgerecht und zugleich wirkungsvoll die Themen umgesetzt werden. „Manche Eltern kommen mit Sorgen zum Elternabend, den wir ihnen vor einer Aufführung anbieten und fragen sich mit welchen Inhalten ihre Kinder konfrontiert werden – und gehen erleichtert wieder, weil sie merken: Das ist nicht überfordernd oder verängstigend, sondern kindgerecht vermittelte Informationen und eine Stärkung des Selbstwertgefühls“, erzählt Eichholz. „Und Kinder reagieren meist begeistert. Es gibt sogar Autogrammwünsche nach den Aufführungen.“
Was bleibt, wenn der Vorhang fällt
Die Rückmeldungen aus über 30 Jahren „Mein Körper gehört mir!“ zeigen eindrücklich, welche nachhaltige Wirkung präventive Theaterarbeit entfalten kann – manchmal unmittelbar, manchmal erst Jahre später. Kinder öffnen sich, erzählen von Erlebnissen, stellen Fragen oder erkennen erstmals, dass das, was sie erlebt haben, nicht in Ordnung war. Christine Eichholz erzählt: „Manchmal hören wir auch Geschichten von Menschen, die jetzt schon erwachsen sind, die sagen: Es hat ganz lange gedauert, bis ich mich getraut habe, darüber zu sprechen. Die Initialzündung, damals zu merken, dass das, was mir passiert ist, nicht richtig ist, war damals in der dritten Klasse bei ‚Mein Körper gehört mir!‘. In besonderer Erinnerung geblieben ist Christine Eichholz auch das Feedback einer jungen Auszubildenden, die durch eine Liedzeile aus dem Programm den Mut fand, sich gegen ihren übergriffigen Chef zu behaupten: „Ich habe dann das Lied gehört in meinem Kopf und die Textzeile: ‚Mein Gefühl, das ist echt, mein Gefühl hat immer recht.‘ Und das hat mir den Mut gegeben.“ Für die Zukunft sind in der theaterpädagogischen werkstatt Themen wie Resilienzförderung (Stichwort „Happy School“) und Demokratiebildung in der Planung. Auch hier soll Theater wieder Räume öffnen – für Erfahrungen, Gespräche und das Rüstzeug fürs Leben. „Wir finden es großartig, wenn Kinder anfangen, über ihre Rechte nachzudenken – und mit mehr Wissen und mehr Handlungskompetenz aus unseren Programmen herausgehen“, fasst Christine Eichholz zusammen.
KF (26.09.2025)

